Wie oft lese ich diese Frage in letzter Zeit oder bekomme sie auch in Gesprächen gestellt.
Ist die Zukunft nur noch KI?
Warum brauch ich denn überhaupt noch eine Website, wenn niemand mehr drauf schaut?
Alle CMS sind tot, kann doch jetzt eh alles die KI viel besser!
So viele Aussagen, die für den absurten absoluten KI-Hype sprechen. Ich verstehe das, finde aber auch, dass da verdammt kurz gedacht wird.
Ein Blick zurück: Wie wir im Algorithmus-Hamsterrad gelandet sind
Schauen wir mal in die Vergangenheit. Nicht allzu weit, ich spreche von Web 1.0 oder auch 2.0. Die Zeit, in der Publishing groß geworden ist. Das Internet wurde mit Inhalten gefüllt und fühlte sich step by step mehr wie ein Dorf an.
Social Media hat das Ganze weiter befeuert und UGC (User Generated Content) kam dazu. So viel, dass Algorithmen entwickelt wurden, damit du nicht mehr alles sehen musstest, sondern nur noch das für dich Relevante ausgespielt bekommen hast. Anfänglich war das positiv – bis die Unternehmen dahintergekommen sind, dass man diese Sichtbarkeit auch monetarisieren könnte. Du siehst also oft nur noch das, was mit Werbebudget bezahlt worden ist.
So war es nicht mehr unbedingt das, was dir am meisten gefällt, was nützlich ist oder was von deinen Freunden gepostet wurde, sondern das, womit das Unternehmen, in das jetzt jeder seine Inhalte reinpumpt, am besten bezahlt wird.
Mittlerweile sind wir an einem Punkt angekommen, an dem Inhalte oft nur noch erstellt werden, um eine Story aufzubauen, um dann Artikel bewerben zu können. Es geht nicht mehr wirklich darum, Mehrwert zu generieren. Es geht darum, dass der Algorithmus den Inhalt ausspielt und die Werbeanzeige genügend Views bekommt.
Genau hier schlägt das Pendel jetzt durch die rasante Entwicklung von KI komplett um. Wenn Inhalte nur noch für Algorithmen optimiert werden, lässt sich dieser Prozess vollständig automatisieren. Das Netz wird überschwemmt von generischen, austauschbaren Texten auf Knopfdruck.
Als ich diese Zeilen hier aufgeschrieben habe, ging quasi zeitgleich Matzes Beitrag „Code is cheap now“ and an existential crisis online. Ein Text, der mir aus der Seele spricht und das Thema mehr von der technischen Seite beleuchtet. Matze beschreibt dort die existenzielle Krise von Entwicklern, weil funktionaler Code durch KI plötzlich extrem „billig“ und per Prompt verfügbar wird.
Die Parallele zu unseren Websites und Inhalten ist verblüffend: Sowohl beim Code als auch beim Content bricht der Wert des reinen Erzeugens gerade massiv ein. Wenn KI-Systeme das Erstellen von Standard-Texten und Standard-Code im Akkord übernehmen, landen wir in einer endlosen Echokammer der Beliebigkeit.
Die Illusion der 20-Minuten-Website
Wir alle kennen sie aus unseren Feeds: Die Erfolgsstorys von Leuten, die am Samstag ihre erste Website komplett mit KI (wie Claude Code) gebaut haben und am Montag der Welt erklären, warum Webdesigner und Entwickler ab jetzt überflüssig sind.
Die Seite ist live, hat eine riesige Headline, abgerundete Karten, einen schicken Farbverlauf, ein Bento Grid und Elemente, die beim Scrollen ins Bild fliegen. Kurz: Sie sieht exakt so aus wie die 200 anderen KI-Websites im selben Feed und soll angeblich 10.000 Dollar wert sein.
Was dabei völlig übersehen wird: KI kennt und versteht Muster, aber keine Marke, Werte oder dein Branding. Wenn du „modern, hochwertig und innovativ“ promptest, bekommst du das, was statistisch danach aussieht. Aber schön ist nicht unverwechselbar. KI erkennt keine schlechten Ideen – sie setzt eine unklare Positionierung oder eine schwache Botschaft einfach nur bemerkenswert effizient um.
Der Wert eines guten Designers und Entwicklers liegt nicht darin, Dinge bunt zu machen. Sondern darin, die richtigen Fragen zu stellen, die Hierarchie anzuzweifeln und das dem Kunden zu spiegeln. Die Hürde, irgendeine Website zu bauen, ist gefallen. Die Hürde zu einer guten Website nicht. Wenn man das Logo und die Texte von einigen Websites entfernen würde – würde man dann noch dein Branding, deine Persönlichkeit erkennen?
Das Minimalprinzip und die blinden Flecken der KI
Selbst wenn das KI-Design auf den ersten Blick ansehnlich ist: Sprachmodelle arbeiten nach dem Minimalprinzip. Sie liefern das statistisch wahrscheinlichste Ergebnis, das den Prompt befriedigt. Doch was passiert mit den Dingen, die nicht im Standard-Prompt stehen?
Ein echter Web-Prozess ist ein ständiger Dialog. Wir müssen nachfragen, verstehen, abwägen. Kann eine KI heute schon blindlings Barrierefreiheit (BitsV/WCAG) garantieren? Berücksichtigt sie im ersten Wurf komplexe UX-Muster, die DSGVO oder das TDDDG? Was ist mit sauberem Testing (TDD)? In dieser Beratungskompetenz, dem tiefen Verstehen von rechtlichen, sozialen und menschlichen Richtlinien, liegt aktuell noch die Schwachstelle der Technologie. Es ist ein Prozess, den man nicht einfach wegprompten kann.
Die große Abhängigkeit: Der Lock-in-Effekt und die Ressourcen-Frage
Ich bin bei diesem Thema selbst zutiefst zwiegespalten. Auf der einen Seite ist die Unterstützung durch KI zweifellos die Zukunft unseres Handwerks. Auf der anderen Seite dürfen wir die wirtschaftlichen und ökologischen Realitäten nicht ausblenden.
Wer garantiert uns eigentlich, dass diese Werkzeuge bezahlbar bleiben? Aktuell befinden wir uns in einer klassischen Phase des Lock-in-Effekts. Die Hürden sind niedrig, die Preise „subventioniert“. Wenn du aber in drei Jahren deine komplette Plattform-Infrastruktur von der proprietären KI eines einzelnen Anbieters abhängig gemacht hast, bist du deren Preispolitik schutzlos ausgeliefert.
Hinzu kommt: Rechenleistung, Energie, der Klimawandel und Geld werden diese Systeme verknappen. KI-Power wird nicht für alle dauerhaft im gleichen Maße zur Verfügung stehen – das haben wir ja gerade erst bei Modellen wie Claude 3.5 Sonnet oder den Kapazitätsgrenzen im Alltag sehen können. Wer hier nicht auf Unabhängigkeit setzt, baut sein digitales Haus auf gemietetem und sehr wackeligem Grund.
Fazit: Die Website als Heimathafen
Genau hier schließt sich der Kreis und liegt die riesige Chance für moderne Content-Management-Systeme. CMS sind nicht tot. Sie wandeln sich von reinen SEO-Text-Containern zurück zu dem, was sie eigentlich sein sollten: das digitale Fundament für Unabhängigkeit und deine digitale Souveränität.
Wenn Suchergebnisse und Feeds im Rauschen austauschbarer KI-Antworten untergehen, gewinnt die direkte Beziehung zu echten Menschen massiv an Wert. Nutzer suchen in Zukunft nicht nach der zehnten Zusammenfassung eines Sprachmodells, sondern nach echter Expertise, klaren Haltungen und verlässlichen Strukturen.
Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, sollten wir Webplattformen genau so bauen: performant, barrierefrei, datensparsam und fokussiert auf echte Substanz. Die Website der Zukunft ist kein Ort für Massenware, sondern die Schaltzentrale für deine Marke, deine Person, dein Branding oder deine Community. Kombiniert mit direkten Kanälen wie einem eigenen Newsletter entsteht genau das, was keine KI kopieren kann: echtes Vertrauen und eine direkte, menschliche Verbindung.

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