Der Mythos der einfachen Website

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Es gibt diesen Satz, der in fast jedem ersten Gespräch fällt. Manchmal direkt, manchmal als Nebensatz, manchmal ein wenig entschuldigend. Es soll ja nichts Kompliziertes werden. Nur eine einfache Website.

Ich verstehe diesen Satz inzwischen besser, als ich es vor zehn Jahren tat. Dahinter steckt selten der Wunsch nach Schlichtheit im handwerklichen Sinn. Meist steckt dahinter die Hoffnung, dass es schnell, günstig und ohne große Auseinandersetzung gehen möge. Einfach im Sinne von unaufwändig. Einfach im Sinne von „bitte nicht zu viele Fragen“.

Doch genau hier beginnt das Missverständnis. Eine wirklich einfache Website ist fast nie das Ergebnis eines schnellen Prozesses. Sie ist das Ergebnis vieler kleiner, bewusster Entscheidungen, die im fertigen Produkt unsichtbar geworden sind.

Was sich verändert hat

Vor zehn oder fünfzehn Jahren war eine einfache Website tatsächlich noch näher an dem, was viele heute meinen, wenn sie das Wort benutzen. Ein paar Seiten, ein Kontaktformular, ein Theme aus dem Verzeichnis, ein Hosting-Paket, fertig. Die Erwartungen an Geschwindigkeit, Datenschutz, Barrierefreiheit, Lesbarkeit auf unterschiedlichen Geräten und Sichtbarkeit in Suchmaschinen waren überschaubar.

Diese Welt gibt es so nicht mehr. Eine Website wird heute auf Smartphones, Tablets, Laptops, großen Monitoren, in Screenreadern und gelegentlich in Chatfenstern von KI-Systemen gelesen. Sie soll schnell laden, möglichst wenig Daten verbrauchen, rechtlich sauber sein, ohne Cookie-Banner-Theater auskommen, in Suchmaschinen auffindbar bleiben und idealerweise auch in fünf Jahren noch wartbar sein. Das ist nicht kompliziert, weil jemand es kompliziert macht. Es ist der heutige Stand des Webs.

Die Anforderungen sind nicht lauter geworden. Sie sind leiser im Hintergrund gewachsen, während die Erwartungshaltung an den Aufwand davor stehengeblieben ist.

Einfachheit als Ergebnis, nicht als Ausgangspunkt

Wenn ich heute auf Projekte schaue, die wirklich einfach wirken, dann fällt mir jedes Mal auf, wie viel Arbeit in genau diesem Eindruck steckt. Eine Navigation, die ohne Erklärung funktioniert, ist meist mehrfach umgebaut worden. Eine Startseite, die in zwei Sätzen klarmacht, worum es geht, hat oft Wochen an Textarbeit hinter sich. Ein Layout, das auf jedem Gerät ruhig wirkt, ist das Gegenteil von einem Theme, das einfach übernommen wurde.

Einfachheit auf der Oberfläche entsteht durch Komplexität in der Vorbereitung. Inhaltsstruktur, technische Entscheidungen, Auswahl der richtigen Tools, Verzicht auf alles, was nicht gebraucht wird. Diese Arbeit ist nicht sichtbar, deshalb wird sie regelmäßig unterschätzt.

Ich erlebe das auch bei eigenen Projekten. Mein Blog wirkt, von außen betrachtet, ziemlich schlicht. Hinter dieser Schlichtheit liegen Entscheidungen über Hosting, Theme-Aufbau, Permalink-Struktur, Mehrsprachigkeit, Tracking, Analytics, Schriftarten, Bildgrößen und Inhaltsarchitektur. Nichts davon ist spektakulär. Aber genau das Zusammenspiel macht den Unterschied zwischen einer Seite, die einfach wirkt, und einer Seite, die einfach nur reduziert ist.

Reduziert ist nicht dasselbe wie einfach

Das ist vielleicht der Punkt, an dem das Missverständnis am sichtbarsten wird. Eine Website mit wenig Inhalt ist nicht automatisch einfach. Sie ist erst einmal nur leer. Eine Website mit wenigen Funktionen ist nicht automatisch klar. Sie hat nur weniger Funktionen.

Einfachheit hat etwas mit Verständlichkeit zu tun, mit innerer Logik, mit Konsistenz. Eine wirklich einfache Seite beantwortet die Fragen, die Besucherinnen und Besucher mitbringen, ohne dass sie suchen müssen. Sie führt durch den Inhalt, ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Sie funktioniert auf langsamen Verbindungen, auf älteren Geräten, mit Tastatur, mit Screenreader. Das ist keine Reduktion. Das ist Sorgfalt.

Und dann ist da noch die KI

Im Moment kommt zu all dem noch eine neue Erwartung dazu. Mit den heutigen KI-Werkzeugen kann jede und jeder in kurzer Zeit etwas bauen, das auf den ersten Blick wie eine fertige Website aussieht. Layout, Texte, Bilder, sogar funktionierende Komponenten entstehen in Minuten. Das ist beeindruckend, und ich will das gar nicht kleinreden. Vieles davon ist tatsächlich nützlich.

Was dabei aber leicht untergeht, ist die Frage, was eine Website eigentlich erfüllen muss, jenseits des ersten Eindrucks. Eine Seite kann gut aussehen und trotzdem nicht barrierefrei sein. Sie kann modern wirken und gleichzeitig unnötig viele Daten laden. Sie kann inhaltlich plausibel klingen und trotzdem an der eigentlichen Zielgruppe vorbeischreiben. Sie kann technisch funktionieren und in einem halben Jahr trotzdem schwer wartbar sein.

Ein generiertes Ergebnis sieht oft fertig aus, lange bevor es wirklich fertig ist. Wer nicht weiß, worauf zu achten ist, kann das auch nicht erkennen. Das ist keine Kritik an den Werkzeugen, sondern eine Beobachtung darüber, was Fachwissen leistet. Es liegt nicht im sichtbaren Ergebnis, sondern in der Fähigkeit, ein Ergebnis einzuschätzen. Genau diese Einschätzung ist das, was eine Website von einem ersten Entwurf trennt.

Einfach im Sinne von „in zwei Stunden mit KI gebaut“ ist deshalb noch einmal etwas anderes als einfach im Sinne von durchdacht. Beides kann seinen Platz haben. Es lohnt sich nur, den Unterschied nicht aus den Augen zu verlieren.

Was ich mir manchmal wünsche

Ich wünsche mir, dass das Wort einfach in solchen Gesprächen langsamer ausgesprochen wird. Nicht als Synonym für günstig oder schnell, sondern als ehrliche Anforderung an das, was am Ende stehen soll. Eine Seite, die einfach zu nutzen ist. Einfach zu verstehen. Einfach zu pflegen. Einfach zu finden.

Wenn das gemeint ist, dann ist das eine schöne Aufgabe. Sie ist nur selten kurz. Und das ist in Ordnung, solange beide Seiten wissen, worauf sie sich einlassen.

Avatar von Christopher Kurth

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